Yesterday (2019) – Filmkritik

Yesterday (2019) – Filmkritik

Im song- und titelgebenden „Gestern“ waren die Sorgen von Jack (Hamish Patel), der sich seit einem vor 10 Jahren gewonnenen Schultalent-Wettbewerb eine Karriere als weltumjubelter Singer/ Songwriter imaginierte und seitdem relativ erfolglos die Pubs und Gemeindefeste seines Heimatdorfs bespielte, nicht weit weg, sondern so was von voll da. Aber gestern war gestern und heute ist heute. Und heute scheint die ganze Welt die Existenz der größten Popgruppe, die jemals aus Liverpool entstand, vergessen zu haben. Kurzum: Bis auf Jack erinnert sich kein Mensch mehr an die Beatles. Dank den überlebensgroßen Songs der niemals existenten FabFour kann Jack nun doch noch zum größten Musiker der Welt aufsteigen.

Yesterday (2019)
© Universal Pictures

Die Prämisse schreit geradezu danach, unfassbar interessante Fragen zu verhandeln: Wie sähe denn eine Welt aus, die nie von John, Paul, George und Ringos Genialität profitierte? Was macht das mit einem Menschen, der über Nacht als der „Shakespeare der Musik“ gehandelt wird, selber aber damit übereinkommen muss, dass er nur eine Copycat, ein Plagiat ist. Für diese Fragen interessieren sich Autor Richard Curtis und Regisseur Danny Boyle nicht. Gerne würde dieser Text die Frage beantworten, was genau die beiden Herren denn mit YESTERDAY bezwecken wollten. Aber so das ernüchternde Urteil: Nur die 17 populärsten Beatles-Songs im Abspann auflisten.

Yesterday (2019)
© Universal Pictures

Es sind 120 ärgerlich leere Minuten, die da über die Leinwand flimmern. Boyles sonst so verlässliche kinetische Energie weicht einer biederen Inszenierung, in der skurril – diegetische Ortseinblendungen wohl zum optischen Highlight zählen. Dass hier der Regisseur von treibenden Werken wie THE BEACH, SLUMDOG MILLIONAIRE, oder dem unvermeidlichen TRAINSPOTTING auf dem Inszenatorstuhle Platz nahm, mag man nicht so recht glauben. Aber für solche Fälle gibt es ja immer noch das Drehbuch. Noah-Baumbach-Filme glänzen ja nun auch nicht durch allzu mannigfaltige inszenatorische Raffinesse. An der Schreibmaschine saß, wie bereits erwähnt, Englands Rom-Com-Eskapismus-Experte per excellence, Richard Curtis, der Mann für die himmelhochjauchzenden Liebesgeständnisse.

Yesterday (2019)
© Universal Pictures

YESTERDAY‘s Love Interest heißt Ellie, es dürfte die undankbarste Rolle sein, die Lily James bislang gespielt hat. Ellie existiert eigentlich nur, um Jack die erste Filmhälfte überoffentsichtlichst anzuhimmeln. Kurz sieht es im berüchtigten „Second Act Lowpoint“ so aus, als würde man aus ihr eine mehrdimensionale Figur machen wollen, final geschieht es aber doch nicht. Man mag über Damien Chazelles LA LA LAND denken, was man will, aber dessen Position, in der die Liebe der Kunst geopfert werden musste, ist wenigstens interessanter als dieses aktive Nichts. Es wirkt fast so, als sei YESTERDAY ein Experimentalfilm, indem man der Zuschauerschaft die Austauschbarkeit der meisten filmischen Liebesgeschichten vorführen wollte.

Yesterday (2019)
© Universal Pictures

Drei Aspekte sorgen dafür, dass YESTERDAY doch kein Totalausfall geworden ist. Nr. 1: Die ersten fünf Minuten, in denen Jack den sprichwörtlichen rock bottom trifft, sind charmant und sympathisch. Verlierergeschichten, die fast schon pornografisch im eigenen Unglück baden, verpflichten ja quasi zur Verbundenheit mit der Hauptfigur. Nur leider entpuppt sich Jack dann nach dem globalen Beatles-Vergessen als doch ziemlich blass und leer. Alle zehn Minuten wird eben ein neuer Song einstudiert und das war es dann.
Positivum Nr. 2 ist, man mag es kaum glauben: Ed Sheeran, der in einem etwas größeren Gastauftritt angenehme Selbstironie zeigt und mit seinem Handyklingelton und einer urkomischen Liedtextänderung die zwei großen Lacher des Filmes liefert.
Und ja: Nr. 3 ist natürlich die Musik der FabFour. Zwar storybedingt in ganz kompetenten Cover-Versionen, aber der Freude tut dies keinen Abbruch. Wer nicht sofort im Kinosessel mittanzt, wenn „I saw her standing there“, „Help“ oder „She loves you“ erklingt, oder bei „The long and winding road“ und „Let it be“ nicht mit andächtiger Gänsehaut gesegnet ist, für den ist YESTERDAYwohl schon a priori nichts.

Yesterday (2019)
© Universal Pictures

Denn letzten Endes dürfte der Film wohl nur eingefleischte Beatles-Fans ansprechen und paradoxerweise ist er gerade für diese maximal unbefriedigend. Zu offensichtlich sind Referenzen (ein unvermeidliches Rooftop-Konzert) und Witze (der Tiefpunkt dürfte eine Konferenz über das Cover für Jacks bald erscheinendes Album sein, in der die ikonischen „Abbey Road“ und „The Beatles“ Cover gar unlustig – augenzwinkernd diskreditiert werden). Die eigentliche Handlungsprogression ist einfach zu uninteressant. Die Hauptanlaufstelle für filmisch interessierte Beatles-Fans, die sich an HELP und A HARD DAY’S NIGHT bereits übersehen haben, bleibt weiterhin der immer noch sträflich unterschätzeACROSS THE UNIVERSE von Julie Taymor aus dem Jahre 2007.

YESTERDAY ist so am Ende des Tages ein enttäuschend überflüssiger Film und dürfte in die Geschichte lediglich eingehen als die komplizierteste Art und Weise ein Best-of-Album der Pilzköpfe zu hören.

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