KÖRPERERFAHRUNG IM KINOSESSEL: VOM UNBEHAGEN EINER GEFESSELTEN ZUSCHAUERIN

KÖRPERERFAHRUNG IM KINOSESSEL: VOM UNBEHAGEN EINER GEFESSELTEN ZUSCHAUERIN

Warum gehen wir heutzutage eigentlich noch ins Kino? Für mich persönlich wird diese Frage als eine rein rhetorische entlarvt, sobald ich den Kinosaal betrete und diese spezifische Magie spüre: eine mysteriöse Macht, die auf meinen vermeintlich passiven Zuschauerinnenkörper einwirkt, ihn unweigerlich aktiviert, etwas mit ihm anstellt, sodass ich mich dem Geschehen auf der Leinwand vertrauensvoll überlassen muss. Manche gehen für dieses Gefühl, diesen Thrill, Bungeespringen – ich gehe ins Kino. Auch bei den diesjährigen Wettbewerbsfilmen des goEast Filmfestivals gab es eine Menge Gelegenheiten, den eigenen Körper im Kino zu erfahren und sich von seinen Reaktionen überraschen oder gar verraten zu lassen.

 

  1. Kraftlos. Alles, nur nicht weiter zusehen

Nehmen wir den Dokumentarfilm WHITE MAMA: Das Regisseurinnen-Duo Zosya Rodkevich und Evgeniya Ostanina beobachtet höchst einfühlsam eine russische Patchworkfamilie. Als die Mutter ein Kind adoptieren will, gerät die eingespielte Dynamik ins Wanken. Schon beim ersten Anblick des jungen Daniil im Waisenhaus ist es um die Frau, deren sanft entschlossenes Gesicht so viel Liebe und Geduld ausstrahlt, geschehen: Wir sind uns ähnlich. Etwas widerwillig unterstützen ihre sechs Kinder aus erster Ehe den Wunsch, äußern jedoch erste Bedenken: Wirst du dann noch genug Zeit für mich haben? Daniil ist augenscheinlich bei bester Gesundheit, sein Körper jedoch wird durch das Trauma vergangener Vernachlässigung und Misshandlung gesteuert: Es kommt schnell zu ersten Machtkämpfen, wenn Daniil sich vehement weigert, morgens in seine eigenen Pantoffeln zu steigen, und mit sanfter Geduld wie eine Marionette bewegt werden muss. Als seine Schwestern sich umziehen wollen, wird der Bruder mühsam aus dem Zimmer geschleift, Zentimeter für Zentimeter. Unangenehme Erinnerungen an eigene kindliche Dominanzkämpfe beschleichen mich wie ein muskulärer Reflex, als ich dabei zusehe, wie an dem kleinen Körper gezogen und gezerrt wird. Daniil schreit, weint, sträubt sich, immer in Gegenrichtung, stundenlang. Die Mutter, die er einmal als waste of space bezeichnet, hält aus, hält mit Liebe, Würde und Verständnis dagegen, bis sie den endlich reumütigen Sohn in die Arme schließen darf. Ich spüre ihre Anspannung bis zum Bersten am eigenen Leib, bin mit ihr wiederholt den endlos langen Weigerungen ausgesetzt, und verstehe die Kraftlosigkeit in ihren müden Augen. Ich möchte mit ihr vor Erleichterung weinen, sobald sich Versöhnung und Entspannung in einer Atmosphäre des Terrors einstellen.

In einer Auseinandersetzung mit dem überforderten Adoptivvater fällt schließlich eine Ohrfeige, die mit unablässigem Schreien aus tiefster Lunge quittiert wird. Daniil windet und schüttelt sich, beginnt seinen Kopf wieder und wieder gegen die Kommode zu schlagen. Der Vater straft ihn durch Nichtbeachtung. Die Kamera hält dabei behutsam, aber schmerzhaft lange auf das Geschehen. Ich fühle mich als Eindringling, als schamlose Beobachterin dieser Extremsituation, und komme körperlich an meine Grenzen, auch dank des Anschlags auf meine Ohren. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, ich bin hin- und hergerissen zwischen dem überwältigenden Gefühl, mich in meinen Körper zurückziehen zu wollen und dem Drang zu rufen, aufzustehen und den ungerührten Vater zu irgendeiner Reaktion zu bewegen – alles, nur nicht weiter zusehen. Nach dem Ende dieser meisterhaft inszenierten Tour de Force fühle ich mich mitgenommen und erschöpft – und verspüre ein übermächtiges Bedürfnis, meine Mutter anzurufen.

 

  1. Machtlos. Verätzungen einer jungen Seele

Ein anderer Kinosaal, eine neue Vorstellung: ACID, das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin, scheint allerorts leidenschaftliche Reaktionen provoziert zu haben, und ich möchte mir mein eigenes Bild machen. Erholt ruhe ich im komfortablen Kinosessel, ein unbeschriebenes Blatt. Die Lichter gehen aus, die Bilder beginnen auf der Leinwand zu tanzen. Meine anfängliche Ruhe bekommt erste Risse, als Petya, Twentysomething aus problematischen Verhältnissen und der Welt um sich herum mehr als überdrüssig, sich mit einer schwungvollen Bewegung die titelgebende, hochkonzentrierte (Salz-)Säure an die Lippen setzt – und kurzerhand in den Rachen kippt. Zum Wegschauen ist es bereits zu spät – es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. Da ist er – der wohlbekannte, mich überrumpelnde Stich, das unbequeme empathische Ziehen in den Eingeweiden. Ein Phantomschmerz überwältigt meinen Körper für einen kurzen Moment, eine unweigerliche Reaktion auf eine zutiefst gewaltsame Aktion. Mit schockiertem Zischen wird vereinzelt um mich herum die Luft eingesogen. Ein imaginäres Kratzen im Hals lässt mich noch husten, als sich das Geschehen vor mir längst weiterbewegt hat.

Für ein lange nachwirkendes Kinoerlebnis reicht ein solch viszeraler Moment allein freilich nicht aus, stützen sich doch die meisten Horrorfilme regelmäßig und gerne auf ebendiese zuverlässige Art der körperlichen Manipulation – Spiegelneuronen sei Dank. Wirklich unbehaglich wird es beim zweiten Auftritt der unheilvollen Säureflasche: Diesmal hält sie der junge Sasha in den Händen, denn er hat genug – genug von seiner herrischen Freundin, seiner einschüchternden Mutter, der heuchlerischen Doppelmoral der scheinbar gleichgültigen Erwachsenen. Petya, sein vermeintlich einziger Freund, hintergeht ihn unverzeihlich. Allein in der Kirche kurz vor einer bevorstehenden Taufzeremonie, betrachtet Sasha das Taufbecken und die Säureflasche quälend lange. Mein Körper wird direkt in Alarmbereitschaft versetzt: diesmal wird der potenzielle Einsatz der Flasche mich nicht überraschen können. Doch es kommt schlimmer, als ich mir auszumalen wage: Mit eisig entschlossenem Blick senkt Sasha die Säureflasche ab und kippt die ätzende Flüssigkeit langsam in das Taufbecken, in das in wenigen Minuten ein Säugling getaucht werden soll. Der Saal verfällt in eine ohrenbetäubende Stille.

An dieser Stelle wird es Zeit für ein Geständnis: Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich im Kinosaal wirklich Angst empfunden habe. Die Art von Angst, die nicht als angenehmer Grusel an den Nerven kitzelt, mich in eine lohnenswerte, erwartungsvolle Anspannung versetzt, sondern mich an den Rand des körperlich Ertragbaren bringt, mich mit einem unausweichlichen Geschehen konfrontiert, von dem ich die Augen abwenden möchte – und es dennoch nicht kann. Die Taufgesellschaft trifft ein, ein fröhlicher Säugling wird dem Pfarrer präsentiert, und ja, jetzt habe ich Angst: Angst, gleich unfreiwillig zur Zeugin von etwas Grenzüberschreitendem zu werden. Der gedemütigte Sasha muss ein Exempel statuieren, und der konfrontative Tonfall des Films verhindert, dass ich mich wie so oft in Sicherheit wiege: Hier wird nur geblufft. Sashas Blick bleibt hart, als die Mutter ans Becken tritt, mein Herz rast. Meine hilflosen Hände sind schweißnass und eiskalt zugleich. Das spannungserzeugende Spiel mit grausamer Andeutung grenzt ans Exploitative, strapaziert meine Geduld, macht mich wütend. Fast erwarte ich, dass ein in seinem Anstandsempfinden verletzter Kinozuschauer den Saal verlässt, bevor die Auflösung eintritt. Sasha wendet sich zum Gehen. Meine Kinobegleitung krallt sich in meinen Arm, vergräbt ihr Gesicht mit einem leidenden Seufzer hinter ihrer Hand, und ich möchte es ihr gleichtun. In der allerletzten Sekunde reißt Sasha die säuregefüllte Schale zu Boden. Die Anspannung fällt endlich ab, ich fühle mich für einen kurzen Moment wie im Flugzeug, das einige Meter in die Tiefe sinkt, dann schwerelos und leicht und rutsche tief in meinen Kinosessel.

(c) goEast Filmfestival

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